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Tim Rice
Von Revolverheld zu Schreibwarenhändler!

© Phuket Travelers' Net
Tekst & Bilder von Joe Josef

"Es ist irgendwie schwer, sich den netten, halbkahlen Tim Rice als einen revolverschwingenden Hippie im Ghetto von Detroit vorzustellen."

"Ritter der Straße"

Ja, er heißt wirklich "Rice" (Reis). Und nein, hier in Thailand hat er so gut wie nie irgendwelche Witze darüber zu hören bekommen.
TRV.NET: -Warum eigentlich nicht?
TR: -Keine Ahnung. Habe ich auch oft darüber nachgedacht. Auf Taiwan, wo ich ein paar Jahre verbracht habe, fanden die Leute das zum totlachen. Aber hier...
Während die Sonne untergeht, glüht das Firmenschild "Stationery & Stuff" im warmen Abendlicht. Paolo and Joey, die beiden Hausschildkröten genießen das Leben in ihrer nassen, blauen Wanne. Ich weiß noch, als diese beiden Zwerge die Größe von Streichholzschachteln hatten. Jetzt sind sie schon so groß wie Schuhkartons. Wie die Zeit doch läuft!

Man sieht es heute noch in seiner Positur: er ist ein alter Rocker! TR: -Stimmt. Es kommt mir vor wie gestern, als ich noch als Hippie herumlief, auf Motorrädern herumdonnerte, unter das Eis tauchte und in einer kleinen Cessna herumflog...
TRV.NET: -Augenblick, bitte! Eines nach dem anderen. Du bist Hippie gewesen? Und ein Biker?
TR: -Aber ja, Mann. Ich bin in Detroit, Michigan, USA geboren und aufgewachsen. 1973, als ich 20 Jahre alt war, ließ ich meine langen Haare auf einer Triumph 650 im Winde wehen. Ich gehörte einer Motorradgemeinde an, die "Knights of the Road" (Ritter der Straße) hieß. All die anderen Banden hießen "Hell's Angels", "Satanic Monsters" und solchen Blödsinn, unser Stil war da anders. Also, wir schossen auch mit Revolvern 'rum und schlugen uns die Köpfe ein und sowas. Aber wir hatten trotzdem ein soziales Verantwortungsgefühl. Wir engagierten uns für Wohltätigkeitsarbeit, donierten Geld für Erziehungsarbeiten und so.


Wie Clint Eastwood

Es ist irgendwie schwer, sich den netten, halbkahlen Tim Rice als einen revolverschwingenden Hippie im Ghetto von Detroit vorzustellen. Aber als er sich vor meiner Kamera in Positur stellt, merkt man ihm den alten Rocker noch an. Ein junger Mann mit Verlangen nach Macht und Recht scheint da durch.
TR: -Tjah, die schlimmsten unter uns waren die Polizisten, weißt Du? Wir "Ritter der Straße" waren irgendwie moralisch nicht so angeknackst wie die anderen Gangs. Wir hatten einen besseren Ruf und darum gab es bei uns viele Bullen. Und wenn die besoffen waren, dann machte man lieber Platz, denn die liebten es mit ihren Waffen herumzuballern!
TRV.NET: -Du hattest auch selber eine Pistole?
TR: -Ja, warum nicht? In Amerika, besonders an Orten wie der West Side von Detroit, war das ganz normal. Ich hatte damals die Verantwortung für einen Motorradshop. Ich mußte zur Bank um Geld abzuliefern, Ab und zu hatte ich auch Kunden, die nicht nur unzufrieden waren, sondern selber mit Waffen drohten.
TRV.NET: -Und dann was? Du zogst deine Pistole und dann standet ihr euch gegenüber wie zwei Clint Eastwood Cowboys im Duell?
TR: -Ja. Genau so. Nicht nur das - ich hatte auch einige 'liebreizende' Tiere zuhause. Schlangen und Skorpione. Diese Tiere setzte ich im Geschäft als Bewacher ein. Wir hatten diese besonders begehrten Ausstellungsstücke im Fenster, weißt Du. Aber die Diebe zögerten beim Anblick eines Skorpions, der auf dem Lenker oder Tankverschluß saß und ihnen zuschmunzelte.

Eistauchen

Die Wintermonate in Detroit sind bekanntermaßen ganz anders als auf Phuket, Thailand. Um seinen Hobbies zu frönen, mußte Tim ziemlich frieren.
TR: -Für mich gab es nur Motorräder und Tauchen. Im Winter waren die Seen um Detroit allerdings zugefroren. Und während andere Leute Schlittschuh liefen, schraubten wir uns Metallschrauben in die Motorradreifen und rutschten auf dem Eis herum. Das war ein Vergnügen! Und auch gefährlich. Denn ein Teil des Vergnügens war es, so dicht wie möglich an das offenen Wasser oder dünne Eis in der Mitte zu fahren.

Das beste in Thailand ist das Chaos und die Freiheit TR: -Mit dem Tauchen war das so: um im Winter überhaupt tauchen zu können, mußten wir unter das Eis. Im Sommer war das Wasser moddrig, aber im Winter war es glasklar.
TRV.NET: -Gab es denn was zu sehen?
TR: -Nee. Aber das war auch garnicht der Kick. Der Kick war die Gefahr. Es war knochenkalt, auch unter dem Trockenanzug. Vielleicht wurde man so steif, daß man sich nicht mehr bewegen konnte. Und der einzige Weg hinaus war derselbe wie hinein. Um nicht verloren zu gehen, banden wir uns ein Seil um den Leib, damit unsere Freunde uns wieder zurückziehen konnten.
Auf die Dauer war Detroit nicht Tims Ding. Er sehnte sich nach wärmeren Gefilden. Er war noch 20 als er sich entschloß mit einer Gruppe von MC-Fans quer durch Afrika zu biken.

Nicht das Leben versauen

TR: -Wir machten den Trip durch den schwarzen Kontinent von Norden nach Süden. 12 Mann waren wir, jeder mit einer Honda 250 Enduro. Unser Leiter hatte die Motorräder in Kästen gekauft. Wir flogen mit den Kästen nach Spanien, bauten die Bikes hier zusammen und los gings.
Das Schlimmste war die Papierschlacht. Zu dieser Zeit gab es überall in Afrika irgendeinen Bürgerkrieg. Wir saßen herum, mußten warten und die Bürokraten bestechen. Ich weiß noch wie wir einmal eine ganze Woche lang festsaßen bis wir den richtigen Mann fanden, den wir bestechen konnten. Es war so: da die ganze Zeit hin und her gekämpft wurde, wußte man nie genau im voraus, welche Regierung gerade an der Macht war. Möglicherweise waren die Visa, die wir 6 Monate vorher in den USA bekommen hatten, bei unserer Ankunft schon längst wieder wertlos. Aber wir schafften es durch Afrika irgendwie in sechs Wochen.
Dann war ich wieder in Detroit und nun kaufte ich das Geschäft, in dem ich bisher den Manager gespielt hatte.

Tim setzte seine "Karriere" als Pistolenheld und Saufbold fort, aber er  arbeitete auch ehrenamtlich als Berater für die Straßenkids von Detroit.
TR: -Ich erzählte denen, daß sie nicht ihre Haare schneiden brauchten, das sie nicht ihr Vergnügen aufgeben müßten und so. Aber sie sollten wenigstens weiter zur Schule gehen und sich ausbilden. Dann, mit einem Job und mit Geld in der Tasche konnten sie lange Haare UND Vergnügen UND eine gesellschaftliche Stellung haben in der man sie respektieren würde. Sie mußten sich also nicht ihr ganzes Leben versauen, nur um cool zu sein.

Das Glück in Thailand

Das Jahr 1985 läutete eine neue Ara für Tim ein. Er verließ die USA.
TR: -Ich bekam ein Angebot aus Taiwan. Es ging um Motorradteile, In- und Export. Ich sagte sofort zu. Aber nach einiger Zeit bekam ich das Gefühl in einer Sackgasse gelandet zu sein. Die Chinesen hielten alle Karten am Leib und die ganze Kontrolle über den Markt für sich. Ich hatte nichts zu sagen und konnte keine neuen Konzepte durchführen. Außerdem war das mit dem Tauchen nicht leicht. Nur Chinesen, die einen Militärpaß besaßen, bekamen die Erlaubnis zum Scuba-Tauchen. Ich mußte mich also immer durch das Militär durchschmuggeln lassen.
Tim beschloss den Ausstieg. Ein alter Freund übernahm seinen Job.
TR: -Mein Freund kam an und sagte: "hey, sollten wir nicht erstmal ein paar Tage Urlaub machen, bevor du abhaust?" Er war auch ein Taucher. Wir beschlossen für eine Woche bei Pattaya tauchen zu gehen.
Mein Freund flog dann wie geplant eine Woche später zurück nach Taiwan um seinen neuen Job zu übernehmen, aber mir gefiel es in Pattaya so gut, dass ich erst zurück in die Staaten flog, als mein Ticket fast abgelaufen war - sechs Wochen später.
In den guten alten Vereinigten Staaten war es kalt und schaurig. Ich entschloss mich darum mein Glück in Thailand zu versuchen. Also buchte ich einen Flug nach Pattaya, wo der Manager des Diveshops, bei dem ich und mein Freund so oft getaucht hatten, mir einen Job versprochen hatte. Und so ging es auch. Ich arbeitete mich nach oben, erst als Tauchinstructor, dann als IDC Staffinstructor, Master Diver und Trainer.

In diesem Tauchshop traf Tim auch Wendy, seine zukünftige Frau.
WR (Wendy Rice): -Ja, das ist jetzt inzwischen zehn Jahre her. Ich arbeitete bei einer Tauchfirma in Bangkok, wo ich geboren bin. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie mich nach Pattaya geschickt um unsere Abteilung dort zu betreuen.
Tim und Wendy entschlossen sich für einander. Und da sie beide im Tauchbusiness waren, kam der Gedanke sich mit einer Tauchcompany selbständig machen zu wollen.
TR: -Wir wollten nach Phuket ziehen, wo alles noch schöner, netter und sauberer war als in Pattaya. Aber die Konkurrenz war schon da. Meine Finanzen waren nicht stark genug um ein großes Ding aufzuziehen, ich konnte mich nicht mit den etablierten Gesellschaften messen. Und ich wollte nicht noch einmal ganz von unten anfangen. Also überlegte ich mir: wir machen etwas ganz anderes! Aber was?

Fester Bestandteil von Patong: Tims und Wendys "Stationery & Stuff". Paolo und Joey. Vion Streichholzschachtel zu Schuhkartongröße.

Papier und Chaos

TR: -Da geschah folgendes: Ich stand eines Tages in einem Tauchshop und erlebte, daß die Sekretärin kein Durchschlagspapier mehr hatte.
"Ja dann geh' kauf was" sagte der Boss. Aber die Angestellten beteuerten, daß es nirgends in Patong so etwas zu kaufen gäbe. Man müsse nach Phuket Town fahren, 20 Kilometer weg. Aber es war schon Spätnachmittag, der letzte Bus war weg und man müsse mit einem Taxi fahren. Oder bis morgen warten...
Da schoß es mir durch den Kopf: ich wollte Durschlagspapier in Patong verkaufen!

Sieben Jahre später ist Tims und Wendys "Stationery and Stuff" immer noch das einzige Geschäft seinesgleichen in Patong. Noch dazu vielleicht das Einzige in ganz Thailand, das von einem Farang geleitet wird.
TR: -Es kommen immer wieder Verkäufer hierher und sagen, daß ich der einzige Farang bin, den sie je zu Gesicht bekommen hätten. Meistens sind es ja Chinesen, die Schreibwaren verkaufen.
TRV.NET: -Du hast Dir hier ein Zuhause aufgebaut, mit Frau, Kind und Geschäft. Warum gerade in Thailand? Was ist Deiner Meinung nach an Thailand so speziell?
Tim lehnt sich zurück und schließt kurz die Augen.
-Das Wetter, sagt er. Und das Chaos!
TRV.NET: -Das Chaos?
TR: -Ja, auf eine positive Art. Weißt Du, als ich das letzte mal in Los Angeles war, sah ich überall Schilder. Am Strand: "Keinen Abfall wegwerfen". Im Park: "Nicht das Gras betreten". Im Bus: "Kein Eis essen"... Mann, da waren Regeln und Verbote und Gesetze überall und für alles!
Hier in Thailand wird man im allgemeinen von der Obrigkeit in Frieden gelassen. Ich als Privatperson genieße viel größere Freiheit hier als in den USA.

Klingt fast wie bei den alten "Rittern der Straße", oder?

Tim Rice: So bekommen Sie Erfolg in Thailand

"Es gibt nur zwei Hauptregeln", sagt Tim Rice, "aber die sind sehr wichtig".

Regel 1: Leihen Sie sich nie Geld (irgendwann wird der Preis zu hoch)
Rgel 2: Nehmen Sie nie einen Partner ein (gucken sie sich um, dann sehen Sie warum).

 

Wendy Rice: Kleiner Ratgeber für Ausländer in Thailand

Miss Wendy ist eine von nur wenigen Thais, die fließend Englisch sprechen

Sie möchten in Thailand leben und suchen eine thailändische Frau? Vergessen Sie die Barmädels! Glauben Sie niemals den Liebesbriefen, die ein Barmädchen Ihnen schickt! Versuche Sie lieber eine Frau zu finden, die:

1) nicht lügt
2) eine Ausbildung hat
3) einen Hintergrund hat, mit dem Sie etwas anfangen können

Miss Wendy - so spricht man sie hier an - ist eine von nur wenigen Eingeborenen, die fließend Englisch sprechen können. Sie betreibt nebenbei ein Dolmetscherbüro. Fast alle Kunden sind Damen aus dem Servicegewerbe. Gleich gegenüber von "Stationery & Stuff" liegt nämlich "Christin's", Patongs größter Massagesalon. Die Mädchen die hier arbeiten, schreiben immer irgendwelche Briefe an ihre Liebhaber in Europa und brauchen jemanden, der Englisch schreiben kann.
Meistens bestehen die Briefe aus drei Teilen: der erste Teil erzählt von ihrer ewigen Liebe und Treue ihrem jeweiligen Liebhaber gegenüber. Der zweite Teil handelt von irgendeinem Mißgeschick. Ein Familienmitglied ist krank geworden, der Bruder hatte einen Verkehrsunfall, sie selber sei krank usw. Der dritte - und vom Gesichtspunkt der Mädchen wichtigste - Teil ist dann eine Bitte um mehr Geld.
-Alle diese Briefe sind reine Fantasie vom ersten bis zum letzten Wort, sagt Miss Wendy und klopft mit dem Bleistift auf ihren kleinen Schreibtisch. -Ich weiß wirklich nicht wo die Girls das alles herholen und warum sie soviele Geschichten erfinde müssen. Einmal kam eine junge Dame und bat mich für Sie einen Brief an ihren Boyfriend zu schreiben. Ich solle schreiben, ihre Mutter sei krank geworden und sie müsse sie im Krankenhaus besuchen. Kurz danach kam dasselbe Mädchen wieder zu mir. Diesmal wollte sie denselben Boyfriend anrufen und um mehr Geld zu bitten.
"Aber das geht doch nicht" sagte ich "du hast doch diesem Mann gerade geschrieben, daß Du bei Deiner kranken Mutter bist".
"Ach ja, habe ich ganz vergessen" antwortete sie gelassen "aber ich brauche das Geld. Kannst Du nicht irgendwas erfinden? Dir fällt schon was ein. Ruf ihn einfach an und sage, daß ich Dich angerufen habe und ihn bitten lasse, mir zu helfen."
Und so ist das immer. Ich habe noch keinen einzigen Brief gesehen, in dem die Wahrheit stand!