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Die drei Geschlechter des Thai-Cabarets
© Nightlife -  Travelers' Net

Tui, Tim und Toy sind Tänzer und Charakterdarsteller. Alle drei kamen als Jungs zur Welt. Aber das sieht man ihnen nicht mehr an.
Sie leben und lieben wie Frauen. Jede auf "ihre" Art.

zwei Männer?Tui, die Lady

Tui sitzt vor dem großen Spiegel im Schminkraum neben der Bühne.
Sie verkörpert die perfekte Traumfrau. Langes, dichtes, schwarzes Haar wallt in voller Pracht bis an die Hüften und zeigt mit Lockenfingern auf das kurvenreiche Hinterteil. Große, braune Augen sehen Dir direkt ins Gesicht - wie ein Fragezeichen. Das Geheimnis gehört Dir - wenn du es erraten kannst. Laß Deine Lust Dich leiten...
Tui hebt ihre Arme und läßt die Finger durch das seidige Haar gleiten. Dabei heben und strecken sich auch die Brüste. Der tiefe Kavaliergang flacht ab.
Ihre weichen, wohlrasierten Armhöhlen öffnen sich wie weiße Blumen, die sich nach dem Kuß der Sonne sehnen.

So viel Geld wie möglich

"Als ich noch ein kleiner Junge war...", sagt sie mit tiefer, rauchiger Stimme "wollte ich immer schon eine Frau werden. Ich fühlte mich wie ein Mädchen, gefangen im Körper eines Mannes."
Unmöglich, sich diese Lady als einen Mann vorzustellen! Unmöglich, sich der femininen Aura dieses "Ladyboys" zu entziehen.
"Darum arbeitete ich sehr hart, um Geld zu verdienen. Ich brauchte so viel Geld wie möglich für die bevorstehenden Operationen. Aber egal, wieviel ich auf die Seite legte - es schien aussichtslos auch nur in die Nähe der gefordeten Summen zu gelangen.

Aber dann traf ich einen reichen Farang, der sich in mich verliebte und die notwendigen 100.000 Baht hinlegte. 30.000 für einen neuen Busen und 70.000 für ein neues Geschlecht.
"Und so bekam ich alle die notwendigen Operationen zur selben Zeit."
Tui liebkost gleichsam gedankenverloren ihre Brüste, als gehörten sie einer anderen, einer Frau. Hat sie jemals so die Brüste einer Frau gestreichelt als sie noch ein Mann war?
"Aber nein! Niemals", sagt sie entsetzt, "ich gehe doch mit Männern, nicht mit Weibern!"

Tut es weh?

Tui ist nie an Mädchen interessiert gewesen. In diesem Punkt gleicht ihre Geschichte vielen anderen der thailändischen Kateus. Von Anfang an richtet sich bei ihnen der sexuelle Trieb auf das eigene Geschlecht. Aber nicht wie von Mann zu Mann. Es ist eine heterogene Liebe. Darum die Sehnsucht nach einem weiblichen Körper, dessen Femininität heterogene Männer befriedigen kann.

Und so werden die Körper drastisch verändert. Medikamente, P-Pillen und Hormone sind der erste Schritt. Das Skalpell des Chirurgen ist der nächste.
"Die Leute fragen mich immer ob es weh tut", lächelt Tui. "Natürlich tut es weh! Aber der Schmerz hat mir überhaupt nichts ausgemacht. Ich habe nur an den wundervollen Körper gedacht, den ich nun bekam und der von Anfang an der meine hätte sein sollen."

Lust auf Sex?

Nicht überraschend liebt Tui es, ihren Körper zur Schau zu stellen. Und obwohl sie auf dem Strassenstrich weit mehr verdienen könnte, hat sie einen Job als Tänzerin gewählt, der mit nur 5000 Baht im Monat honoriert wird.
"Aber das ist okay", sagt sie, "ich habe einen Boyfriend in Dänemark, der sich meiner annimmt".
Eine eher selbstverständliche Frage überrascht Tui: Hat sie denn überhaupt noch Lust auf Sex, jetzt, wo sie weder Testikel noch Eierstöcke hat?
"Also... eigentlich nicht so oft, nein" antwortet sie zögernd. "Aber wenn ich in jemanden verliebt bin, geniesse ich es!"

Schön aber kurz

Das Leben eines Ladyboys in all seiner Schönheit ist eher kurz. Wer weiss, wenn die implantierten Körperteile anfangen zu hängen oder kaputtzugehen. Wer weiss, wieviel Operationen das Schicksal noch für Tui bereithält. Denkt sie jemals über die Zukunft nach?
"NEIN!"

Die bündige Antwort bedarf keiner Erklärung. Die Farangs sind so zukunftsbewusst. Manchmal in einem solchen Grad, daß sie die Gegenwart nicht mehr genießen können. Die Mentalität der Thais ist eine andere. Das JETZT ist für sie allgegenwärtig und einzig bedeutungsvoll. Was dazu noch wichtig ist: es gibt überhaupt kein "Jetzt", ohne daß es auch "Sanuk" (Vergnügen) gäbe. Wir haben Sanuk. Jetzt!
Wen interessiert es da schon, was als nächstes passiert?

Für einen Kateu existiert die Zukunft nicht als Bestandteil einer temporären Kette von kausalen Zusammenhängen. Die Zukunft ist ein ferner Nebel, ein Nichts, an dem man sowieso nichts ändern kann. So wie das Wetter. Es kommt, ob du willst oder nicht.

Tui sagt: "Zukunftssorgen sind doppelte Sorgen". Erinnerst du dich an den Song "Don't worry - be happy"? Dieses Lied könnte Tuis Schicksalsmelodie sein. Sie ist glücklich im Genuß ihres schönen Körpers. Der Spiegel zeigt ihr ihr wirkliches Ich, ein Sehnsuchtsobjekt, das Wirklichkeit geworden ist.
Eine wunderbare Frau mit einem wirklichen Frauengesicht und einem wirklichen Frauenkörper. Kein Mann kann sie nunmehr aufgrund ihres Körpers sexuell verschmähen. Nichts anderes als das zählt.

ein Cabaret-ShowstarTim, der Transvestit

Tim ist eine Showtänzerin. Sie begann ihre Karriere vor 17 Jahren, als sie 20 war. In all dieser Zeit hat sie mit demselben Trupp in derselben Show getanzt. Im Augenblick spielt sie die Rolle des "Pao Bun Jin", des Richters. Das ist die Hauptrolle einer chinesischen Fernsehserie, die denselben Namen trägt.
Als die ersten Töne des populären Titelsongs - überraschenderweise "Pao Bun Jin" genannt - aus den Lautsprechern erschallen, schreitet Tim majestätisch auf die Bühne, flankiert von Soldaten in farbenfrohen Uniformen.

Hier ist also ein Mann wit einem weiblichen Busen, der in seinem Leben und in seiner Arbeit als Frau lebt... und auf der Bühne einen Mann spielt. Verwirrend?
Ja. Wer in dieses feminine, geschwärzte Gesicht mit dem künstlichen Bart blickt, ist verwirrt.

Was und wie fühlt Tim selbst?

Zuallererst fühlt Tim sich als Frau. Sie liebt ihre Brüste, diese Kennzeichen von echter Weiblichkeit. Im Großen und Ganzen fühlt sie sich... nun, gut.
"Zuerst war es irgendwie komisch mit solchen Brüsten", sagt sie, "sie waren aus einem Stoff, daß meinem eigenen Körpergewebe fremd vorkam. Meine Brust tat weh, die Haut war stramm nach dem Engriff. Aber nach einiger Zeit verschwanden die Symptome und jetzt ist alles okay."

Hat Tim einen Freund?

"Nein", sagt sie tonlos, "mein Freund starb vor mehreren Jahren an AIDS und ich bin seitdem alleine. Das ist in Ordnung. Ich habe mich daran gewöhnt."
Tim möchte nichts Anderes als tanzen und auf der Bühne stehen. So lange, wie es geht. Und dann... wird sie zurückgehen. Zurück nach Sukothai, der alten Hauptstadt Thailands, aus der sie stammt.

die Tänzerinnen des Andaman CabaretToy, der Homosexuelle

Auf der Bühne macht Toy einen großartigen Eindruck. Mit dem blauen Kleid und der gigantischen, blonden Perücke dominiert sie das geschehen vom selben Augenblick, wo sie die silberne Treppe des sich drehenden Podiums herabsteigt. Hinab zu den eher kleingeratenen Tänzern, die zu den Klängen der berühmten Melodie hüpfen und hopsen.
"...you're still growing, you're still going strong..." mimen sie.

Das Haarungetüm übertreibt die Rolle von "Dolly" und zaubert Änlichkeiten mit der überschwellenden Figur Dolly Partons hervor - was der Darstellung von "Hello Dolly" eine ganz neue Note gibt. Man fragt sich, welches Genie sich diesen dualen "Dopplerefekt" ausgedacht hat (oder vielleicht dachten die Choreographen wirklich, dies wäre ein Dolly Parton - Lied?).

Wenn dann "Satchelmouth" Louis Armstrong letztendlich im Taschenformat eines schlanken Thaiboys auf die Bühne schlendert und sein berühmtes Scat-Growl ausläßt, gibt es kein Halten mehr. Wie wundervoll humoristisch - gewollt oder nicht. Riesige, goldene "Dolly" mit ihrer perligen Stimme und zwergiger, dünner "Satchmo" mit seinem kehligem Grollen. Eines der größten Duette aller Zeiten!

Backstage, ohne die Perücke und das Kostüm sieht Toy weder wie "Dolly" noch wie Dolly Parton aus. Die Haare kurzgeschnitten, die Augen schwarz und die Figur kein bisschen weiblich, von sexy gar nicht zu sprechen. Und was Dolly Partons berühmte Attribute angeht: Toy hat nichts dergleichen, wenn man mal von zwei minimalen Fältchen Haut absieht.
"Ach, mir sind die Vorzüge weiblicher Schönheit nicht gegeben" seufzt Toy. "Die Männer sind mir nicht zugetan so wie den hübschen Kateus. Darum muss ich allein bleiben..."
Was ist mit seinem Körper, hat Toy irgendetwas machen lassen?
"Nein" sagt Toy "ich habe nichts machen lassen. Ich schlucke Hormone, die mir ein klein wenig Brust geben, das ist alles."

Ist Toy eine Frau oder ein Mann?

"Ich bin ein Homosexueller" sagt er.
Toy ist 36 und steht seit 16 Jahren auf der Bühne. Nach der Vollendung der High School in Bangkok schloß er sich den dortigen Drag Shows an, aber mußte viel herumreisen, um Arbeit zu bekommen. Zuerst waren es Auftritte als Diana Ross. "Ich lebe jetzt leider schon seit 15 Jahren alleine", seufzt Toy, "aber ich habe ab und zu mal einen Freund. Nur Jungs, natürlich, und nur Thais. Auf diesem Gebiet bin ich ein wenig anders als die anderen."