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Harry Fox

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Wer soll das bezahlen...?
(Teil1)

© Travelers' Net
Text & photos by Joe Josef

"Plötzlich verschwand der Strom und Patong verwandelte sich in einen Abgrund von Stille und Dunkelheit. "

Wir haben einen Fai Dab!

Sechs Uhr morgens. Lek sah nicht gerade aus wie eine blühende Rose. Ihre Augen waren geschlossen. Wäre die Musik nicht so laut - ich hätte sie schnarchen hören können. Aber ich konnte sie verstehen, es war eine harte Zeit für sie. Es war Tiefsaison, nur wenige Farangs lungerten in den vielen Bars herum und Lek war noch nicht lange genug im Geschäft um einen festen Kundenstamm aufzubauen, der ihr vom Ausland "Money for Nothing" schickte.
Trotz ihrem mädchenhaftem Aussehen war Lek eine erwachsene Frau. Sie hatte drei Kinder zu vesorgen und einen alten Vater, auf dessen Krankenhausrechnngen zuhause in Chiang Rai in letzter Zeit horrende Summen aufgelaufen waren. Ich wusste, dass Lek viele Tage hintereinander auf der Jagd gewesen war. Verständlich, dass sie müde war.
Aus allen Ecken und Enden ertönten Patongs nächtliche Laute und Untermauerungsmusik. Ich bestellte eine Flasche Jack Daniels und erwehrte mich zweier farangloser jungen Damen auf Beutefa(ra)ng und lehnte mich genüsslich zurück. Irgendwie erinnerte mich die Szene - Bambusmöbel, rotes Neonlicht und alles - an Vietnam vor 30 Jahren. Da war ein bestimmtes Mädchen - wie hiess sie noch, Trang? Die hatte auch ein paar Kinder. Trang konnte wunderbare Dinge mit ihrem Körper vollbringen... Und sie hatte Geschäftstalent. Die GI's standen Schlange vor Trangs Tür.
Ich meditierte langsam vor mich hin; Patong by Night pulsierte neben mir her. Der Flüssigkeitspegel in der Whiskyflasche sank langsam aber sicher in Richtung Süden. Irgendwie war ich mit der Welt, wie sie war, zufrieden. Lek lag zusammengerollt in ihrem Bambusstuhl wie ein braunes Kätzchen. MIt regelmässigen Abständen kam der Bartender und brachte mir frisches Eis.
Dann, plötzlich, verschwand der Strom und Patong verwandelte sich in einen Abgrund von Stille und Dunkelheit. Aus hunderten von Kehlen ertönten Aufschreie. Feuerzeuge wurden angezündet, Kerzen angesteckt und aus einer Bar strahlte eine Notbeleuchtung.

No Ploblehm

Lek wachte auf und liess ihre Augen wandern wie ein junges Häschen vor seinem Bau.
-Arrie... sagte sie (das ist thailändisch für "Harry") -what you do?
-Nono, sagte ich, ich habe damit nichts zu tun, wir haben einen Fei dab.
-Ah...  Im flickernden Kerzenlicht sah sie so jung aus. Fast wie ein verängstigtes Kind.
-Das macht nichts, hörte ich mich selber sagen, ich bringe Dich nach Hause!
Kaum gesagt, schon klaubte sie ihre Sachen zusammen - Portemonnaie, Schlüssel, Haarbürste.
-Where you motobike?
Ich bezahlte die Rechnung und dachte nach. Irgendwie hatte ich keine Lust, den Rest der Nacht mit Lek zu vebringen. Aber ich fühlte mich verantwortlich dafür, dass die Kleine endlich mal ordentlich ausschlafen würde.
Aber als ihr schlanker Körper sich an meinen nicht ganz so schlanken Körper schmiegte, verschwanden meine Bedenken allerdings ins Blaue. Wir fuhren die Sai Nam Yen hinauf, am Vises Hotel und an Andys Umbrella Hut Restaurant vorbei. Andys war noch auf.
Leks Wohnung in der letzten Reihe von neuen Gebäuden in einer Seitenstrasse war nett und sauber. Gerade fuhren wir um die letzte Ecke, da hörte ich jemanden nach mir rufen. Ich drehte mich um und da stand Dao.
Jawohl, Dao aus dem Coffeshop mit dem langen Namen, wo man keinen Kaffee bekam. Ich hätte sie fast nicht erkannt, ohne ihre Coffeshopkleider und Makeup und langen Stiefeln. Sie winkte mich heran, es gab offenbar etwas Wichtiges, dass sie mir zeigen wollte. Ich zögerte. Imerhin sass Lek auf dem Rücksitz. Aber Lek sagte:
-No ploblehm. I go sleep, you come later!
Sie sprang vom Motorrad und verschwand in ihrer Wohnng. Ich folgte Dao ins Haus. Sie lächelte und zeigte ihre perfekten, weissen Zähne. Plötzlich war sie wieder die alte Dao aus dem Coffeshop mit den langen Beinen und...

Bleibe doch

-Na wie geht's im Coffeeshop? fragte ich.
-Gut! Sehr gut! Wunderbar.
Das klang überhaupt nicht gut.
-Ich muss Dir was zeigen!
Dao schnappte meine Hand und zog mich nach sich in das Schlafzimmer. Dort setzte sie sich auf das Bett ohne meine Hand loszulassen. Ich guckte mich um. Ein Bett, eine Garderobe, ein Bild an der Wand....
-Was willst Du mir zeigen? fragte ich.
Dao schüttelte mit dem Kopf und zog mich näher. Ihre Augen waren schwarze Perlen in einem nächtlichen Wald, hinter ihren Lippen lag das Versprechen ewiger Seligkeit. Ich spürte ihren süssen Atem auf meiner Nase. Gierig wollte ich einen Kuss auf ihre Lippen drückem, da...
Abrupt zog Dao ihr Gesicht zurück.
-Was ist los? fragte ich.
-Nichts, nichts, I sorry, Entschuldigung! rief Dao. Sie schlug beide Arme um meinen Hals und bedeckte meine Wangen mit Küssen.
-I sorry! I want you, okay?!
Fieberhaft begann sie sich auszuziehen, schon erblickte ich einen schwarzen BH. Aber sogar durch den Nebel meiner Trunkenheit ahnte ich, dass etwas nicht stimmte. Ich wollte gehen, drehte mich um.
-Ich komme morgen wieder, okay?
Dao sprang zur Tür und blockierte mir den Weg.
-Bitte, bitte, sagte sie, geh doch nicht weg, bleibe heute Nacht! Magst Du mich denn gar nicht?
Ich atmete tief durch.
-Ich mag Dich Dao. Mehr als das. Ich finde, Du bisst das süsseste und hübscheste Girl unter der Sonne, aber...
-Okay, dann bleibe doch!

Es war zu spät

Ihre Lippen liebkosten wieder mein Gesicht, ihr geschmeidiger Körper duftede nach Tempelblumen. Wir schwebten im All wie zwei Kaninchen im Garten Eden. Das luftige Geräusch des Ventilators verwandelte sich in Musik von himmlischen Geigen. Wie konnte jemand, den ich überhaupt nicht kannte, so genau meine Gefühle und Wünsche erahnen? Ich  liess meine Hand über ihre glatten Wangen gleiten.
Und bekam nasse Finger! Dao weinte. Ich wollte ihr ins Gesicht blicken, aber sie schlug die Hände davor.
-Jetzt hör mal, Liebstes, sagte ich. Was ist los! Erzähl es dem Onkel Harry, komm.
-Bitte, frag nicht,
schluchzte sie. Mai pen rai, es ist nicht wichtig!
Sie versuchte es noch einmal. Umarmte mich, drückte mich. Aber es war zu spät. Sie konnte die Tränen und den Schmerz nicht mehr aufhalten. Ihr einst so holdes, glückliches Gesicht verwandelte sich eine Maske asiatischer Sorge.
Endlich - untebrochen von Schluchzern, bekam sie Geschichte herausgestottert. Die Mutter in Isaan war eines gar nicht so schönen Tages in einen Bus gestiegen, der kurz darauf ein Unglück hatte. Der Fahrer hatte versucht einen frontalen Zusammenstoss mit einem Laster zu vermeiden. Das folgende Ausweichmaneuver endete in einem Graben etwa 100 Meter weiter unten. Zwei Menschen kamen ums Leben, Daos Mutter brach sich den Rücken. Nun lag sie zuhause und hatte kein Geld für die notwendigen Behandlungen.
Dao entschloss sich das zu tun, wozu alle ihr geraten hatten, aber es fiel ihr schwer. Altere Männer ekelten sie an und sie hatte nicht die psychische Vorraussetzungen für den Job. Sie versuchte sich zu besaufen, aber der Alkohol brachte nur Kopfschmerzen und Brechreiz. Dann wurde sie vom Coffeschop gefeuert, weil sie nicht zur Arbeit erschien...
So war das also. Da plötzlich kam Harry Fox um die Ecke. Obwohl ich Lek hinten drauf hatte, entschloss Dao sich, ihr Glück zu versuchen.
Sie schwieg. Ich guckte in ihr trauriges Gesicht mit den roten Lippen und dunklen Augen. Ich wusste, was ich zu tun hatte...

...Fortsetzung folgt!