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Ein
Abend in Patong Beach
© Nightlife - Travelers' Net
Einsamer Wolf?
Als ich aus dem Tuktuk stieg,
nur 200 Meter vom weichen Strandsand entfernt, bemerkte ich, daß das Schild nur auf Thai
war. Der Name war gleichfalls nur für Thais verständlich. Ein Ausdruck, etwa wie
"Hier thront Dein Herz, hier lacht Dein Körper". Wenn das keine Verheissung
war!
"Hallo, come inside!" klang es in
meinen Ohren.
Das Reinschmeisserpaar war wie aus einem chinesischen Film. Er klein und
schmächtig mit lachenden Zähnen... aber die Frau! Goldene Haut, knallschwarzes Haar. Das
Paar geleitete mich nach innen und fragte mich, was ich wohl trinken wollte. Auf perfektem
Thai.
Glücklicherweise sind Thailändisch und Deutsch dicht verwandte
Sprachen. Sie glauben es nicht? Also Whisky heisst "Whiskee" und Bier heisst
"Biah". Mit anderen Worten, im Nachtleben ist bi-kulturelle Kommunikation ein
Kinderspiel.
Vielleicht denken Sie jetzt, ein "Coffee Shop" wäre eine Art
Café, wo man guten, heißen Kaffee schlürft und über die letzten politischen und
kulturellen Trends plaudert. Weit gefehlt! Ein typischer Coffeshop serviert alles - außer
Kaffee (daher der Name). Thai Whisky ist die spirituöse, wenn auch nicht spirituelle
Grundlage allen Vergnügens. Dazu gibt es Singha Bier, scharfe Speisen und Snacks. Und auf
der Bühne geht derweil die Post ab.
Stellen Sie sich mal vor: hulde Schokoladendamen in Gewänder gehüllt,
die aus einem Mix zwischen Pamela Anderson am Strand und Tina Turner auf einer Grammy
Party zu bestehen scheinen! Lange Beine, hohe Lackstiefel und ein schnurloses Mikrofon.
Ja, Mikrofon!
Nicht alle Coffe Shops haben denselben Standard. Manche gleichen einer
Las Vegas - Offenbarung, andere eher Kleckersdorf um halb zehn. Der Club des
"thronenden Herzen und des lachenden Körpers" stellte keinerlei Anspruch auf
Nevada-Standard. Aber die Schönheit und Charme der Performerinnen auf der kleinen Bühne
ließ mich die bloßen Wände und Stühle aus Plastik vegessen. Eine bezaubernde Sängerin
nach der anderen bestieg die schrägen Bretter und gab eine kleine Einlage zum Besten.
Dicht verwandt hin oder her - man brauchte weder Thai noch Deutsch zu
verstehen um zu wissen, wovon diese Songs handelten. Sie handelten vom Geld der reichen
Ausländer - ach Entschuldigung, von Herz und Schmerz, meine ich natürlich - und von der
großen Liebe.
Es gibt Leute, die sagen, daß manche der
Coffeshop-Sängerinnen nicht viel besser singen als ein Luftballon, dem man die Luft
rausläßt. Ich finde, das ist eine Unverschämtheit. Es mag ja sein, dass nicht alle
einer Whitney Houston Konkurrenz machen. Und wenn schon! Wer denkt denn an Atemtechnik und
Notenreinheit, wenn einem die Augen aus dem Kopf purzeln beim bloßen Anblick der
wundervollen Busen - ich meine Kehlen - in denen die Stimmen wohnen!
Diese jungen Damen haben jenen verzaubernden Mix von
Milchmädchenunschuld und Pantherschwärze. Keine altgriechische Sirene oder altdeutsche
Lorelei könnte verführender sein.
Am Nachbartisch saß eine schlanke
Lady. Nachdenklich sippte sie an ihrer Cola. Sie bemerkte meine Verehrerblicke und
lächelte sanft. Plötzlich war mein Hals sehr trocken. Ich stürzte zwei Finger Jack
Daniels hinunter.
"Es gibt also doch einen Gott", dachte ich. Wer, außer dem
Allerhöchsten hätte sich solche Schönheit ausdenken können! Anmutig richtete das
göttliche Geschöpf sich auf, zupfte an dem kurzen Minirock und setzte sich mit
niedergeschlagenem Blick an meinen Tisch.
"How are you?", flötete sie, "geht es Ihnen gut? Warum
sitzen Sie hier so allein?" Das Mädchen hiess Dao, das bedeutet "Stern".
Und genau das war sie auch - ein Sternlein, das vor 18 Jahren im fernen Isaan geboren
wurde.
Berauscht von der Aura ihrer Anmut, bot
ich ihr zu trinken an. Dao antwortete, sie tränke nur Wasser und Cola. Scheinbar war sie
noch nicht lange in diesem Gewerbe. Kurz darauf mußte sie auf die Bühne.
"Sorry, I have to go" flüsterte
sie. Schritt die kleine Treppe hinauf, ergriff das schnurlose Mikrofon und hielt es dicht
an ihre langbeinigen Lippen. Die Zeit blieb stehen. Transparente Träume tauchten in
meinem Inneren auf; Träume von einem Tropenparadies mit einer Bambushütte unter Palmen
auf einer Perleninsel in kristallklarem Wasser. Bitte fragen Sie nicht, was meine Träume
mit einer Sängerin in einem Coffeschop mit Plastikstühlen zu tun hat. Ich habe keine
Ahnung.
Meine Träume dauerten nur kurz. Schon
nach einem Lied stieg Dao, das Sternlein, wieder zu uns Sterblichen herab und kehrte zu
ihrem Stuhl an meinem Tisch zurück. Sie dankte mir für die Blumen, die ich auf die
Bühne hatte schicken lassen mit einem eleganten Wai.
"Du bist so
hübsch", hörte ich mich sagen. "Kapkhun kah", flüsterte Dao
kaum vernehmbar und errötete ein wenig. Plötzlich erkannte ich, daß göttliche
Vorsehung sie und mich zusammengeführt hatte. Der Rest meines Lebens gehörte ihr, ewig
würde ich Dao, mein Sternchen, lieb haben.
Aber - das war eigentlich gar nicht mein Plan gewesen. Eigentlich war ich
ja nur vorbeigekomen um ein Lied zu hören und einen Whisky zu trinken. Ich wußte, daß
mir nicht viel Zeit blieb, um aus den Sirenenarmen Daos entfliehen zu können. Schnell
bezahlte ich meine Rechnung, gab ihr etwas Trinkgeld und machte mich klar zum Gehen.
Es war nicht leicht, das langbeinige Sternchen zu verlassen. Sie winkte
und öffnete ihre roten Lippen mit einem strahlenden Lächeln. "Please come
again", waren ihre letzten Worte. Und ob! Ich würde wiederkommen! Ich würde
wiederkommen, wir würden heiraten und zwanzig langbeinige Kinder produzieren, die in
einer Bambushütte mit fallenden Kokusnüssen an dem Strand einer Perleninsel spielen
würden...
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